Buchbesprechung: Felicia Langer, Brandherd Nahost, Göttingen 2004.

Eine Buchbesprechung

Felicia Langer, Brandherd Nahost, Göttingen 2004.

Unter deutschen Linken findet sich kaum einer, der seine Vorurteile über Israel nicht unter Berufung auf die israelische Linke, sei sie nun offen antizionistischer oder diskret postzionistischer Couleur, zu rechtfertigen und tatsächlich zu bemänteln wüßte. Die Veredelung des Antizionismus zum Engagement für nichts als Menschenrechte, gerade in Deutschland nach 45 eine verbreitete Darreichungsform des Antisemitismus, scheint gelungen, wenn Uri Avnery, Hans Lebrecht, Mosche Zuckermann oder Felicia Langer ins Feld geführt werden können. Sie sagen es doch selbst, freut sich die deutsche Linke, daß Israel rassistisch, militaristisch und kolonisatorisch ist.

Felicia Langer, die seit einigen Jahren in Tübingen lebt, ist sich ihrer Funktion für das deutsche Bedürfnis nach Schuldentlastung durch hemmungslose „Israel-Kritik??? bewußt, de
nnoch läßt sie keine Gelegenheit aus, ihre Leser und Zuhörer zu ermuntern die vermeintliche Befangenheit gegenüber Israel abzulegen und dazu beizutragen den “internationalen Druck auf Israel (zu)erhöhen???, allein in einem Interview das sie der Tageszeitung “Junge Welt??? (2.4.2005) gab wiederholte sie diese Phrase sieben mal.

Im Folgenden werden wir einige von Langers, bei Lesungen in Schulen, Buchläden oder studentischen Verbindungen, oft wiederholten und in Deutschland und Europa weit verbreiteten Behauptungen aufgreifen um sie beispielhaft zu widerlegen. Wir bedienen uns dafür ihrem 2004 erschienen Buch “Brandherd Nahost???, einer Sammlung von Artikeln und Pamphleten in der fast jedes Vorurteil das je über Israel gefällt wurde verteidigt und propagiert wird. Ein Buch in dem jeder, den Feinde Israels gerne als Zeugen heranziehen, von Noam Chomsky über Norman Finkelstein bis Jürgen Möllemann, zustimmend zitiert wird.

Selbstmordattentate, ein „Hilfeschrei“

Beginnen wir mit einem weit verbreiteten Mißverständnis dem Langer im Kapitel über die Selbstmordattentate Vorschub leistet: Diese seien Verzweiflungstaten, verständliche Reaktion auf die Politik Israels. “Israel hat die Palästinenser durch Unterdrückung, Demütigung und dem Kampf gegen ihre Existenz zur suizidalen Verzweiflung gebracht??? (S.69) oder “Was bleibt dem Einzelnen anderes übrig als sein Leben als Waffe einzusetzen.???(S.72) So funktioniert die Rationalisierung der Attentate zum nur logischen und nachvollziehbaren “Hilfeschrei??? der Traumatisierten, dem dann auch noch der völkerrechtliche Segen erteilt wird: “Nicht jeder bewaffnete Kampf gegen Besatzung ist zugleich Terror, das internationale Recht billigt ausdrücklich den Kampf gegen Besatzung.??? (S.73)
Die Geschichte des Terrorismus gegen Israel zeigt, daß es sich beim palästinensischen Terror um eine, weil wirkungsvoll, bewußt gewählte Taktik handelt. Mag sein, daß sich Selbstmordattentäter leichter aus einer Bevölkerung frustrierter Individuen rekrutieren lassen, aber der individuelle Selbstmordbomber geht in der Regel nicht von sich aus in den Tod. Diese Leute werden von einer Führungselite, nach einer kalten Kosten-Nutzen-Rechnung, in den Tod geschickt. Ebenso wie dieses politische Kalkül, das auch die materielle Versorgung der Angehörigen von Attentätern einschließt, spielt die antisemitische islamistische Ideologie der Terrorgruppen für deren Motivation eine Rolle. Daß der Antisemitismus seit den 1930er Jahren zentraler Bestandteil der palästinensischen Nationalbewegung ist, wird von Langer konsequent ausgeblendet. Auch über Märtyrer-Ideologie und die globale Djihad-Bewegung, deren Teil Organisationen wie die Hamas sind, fällt bei Langer kein Wort.

Israel, „zionistischer Aggressor“

Die zweite Behauptung, sie zieht sich von der ersten bis zur letzten Seite durch das Buch: Israel sei der Alleinverantwortliche für den Nahost-Konflikt. Israels Politik gegenüber den Palästinensern sei eine einzige “zionistische Aggression??? (S.29) und würde “durch beharrliche Provokationen??? dafür sorgen daß der Konflikt lebendig bleibe. Auf diese Aggressionen müßten die Palästinenser dann reagieren würden aber meist “zurückhaltend Rache??? nehmen. (S.33) Die israelische Regierung habe “bisher alle Friedensinitiativen torpediert???, wohingegen die Palästinenser bereit seien für eine friedliche Lösung. (S. 157)

Tatsächlich ist der Grund des Problems die Weigerung der arabischen Seite, Israels Existenzrecht anzuerkennen. Im Herzen des Konflikts liegt die wiederholte Ablehnung der Zwei-Staatenlösung durch den Mufti von Jerusalem, die PLO, die arabische Welt und das palästinensische Volk. Dreimal wurde den Palästinensern ein eigener Staat angeboten, 1937, 1947 und 200/2001, sie haben das Angebot nicht nur jedesmal ausgeschlagen, sondern immer mit Terror reagiert. Israel mußte sich von Anbeginn seiner Existenz gegen Angriffe der arabischen Nachbarn verteidigen.

Das „jüdische Establishment“

Schließen wir mit der bereits erwähnten Forderung, der “Internationale Druck??? müsse erhöht werden. (S.157) Diese Forderung fußt auf Langers Behauptung Israel würde von der Internationalen Staatengemeinschaft nicht genügend kritisiert, speziell in Deutschland würde sich niemand trauen Israel zu kritisieren (S.89), verantwortlich für diese Misere sei die “jüdisch-zionistische Lobby??? (S. 91) die jede Kritik unterbinde.
Fakt ist daß kein anderer Staat der Welt so vehementer und andauernder Kritik der internationalen Gemeinschaft ausgesetzt ist wie Israel. Am 24. April 1997 begann eine “Emergency Special Session??? der UN über Israel die bis heute andauert. Es ist eine “open end???- Session, wie es sie in der Geschichte der UN noch nie gegeben hat, nicht zu Ruanda, nicht zum Sudan und auch nicht zur Situation in Tibet. Ähnlich fleißig verhält sich auch die Menschenrechtskommission der UN, der- es ist kein Witz- auch der Sudan angehört. Ein Viertel aller Resolutionen die von dieser Kommission seit ihrer Gründung verabschiedet wurden betreffen eine Verurteilung Israels. Nicht ein Einzige wurde zur Lage der Menschenrechte in Iran, in China oder in Simbabwe verabschiedet. Kein andere Konflikt beschäftigt die Welt so lange, so nachhaltig, so lustvoll wie der im Nahenosten. Völlig zu Recht schreibt Alan Dershowitz in seinem gerade auf deutsch erschienenen Buch “Plädoyer für Israel???, Israel sei “der Jude unter den Staaten.???
Auch in Deutschland kann von einem Zuwenig an Israelkritik keine Rede sein: Über 60 Prozent der Deutschen sind der Meinung, sei die größte Bedrohung für den Weltfrieden, über 68 Prozent sind laut der aktuellen Heitmeyer Studie davon überzeugt, Israel behandle die Palästinenser heute so, wie die Nazis die Juden behandelt haben- was nichts über Geschichte und Gegenwart aussagt aber alles über das Bewußtsein der Deutschen.
Langers Behauptung, mit der sie lang und breit Jamal Karsli verteidigt, Kritik an Israel würde hierzulande mittels “Antisemitismuskeule???, gezielter “Meinungsunterdrückung??? und “Erpressung??? unterbunden, zeugt also von einer reichlich paranoiden Weltsicht. Mit ihrer Rede vom “jüdischen Establishment??? und den “mächtigen jüdischen Organisationen??? die durch “Hetzkampagnen??? dafür sorgen würden, daß keine Kritik an Israel laut würde, die ferner für den Tod Jürgen Möllemans verantwortlich seien, (S. 87-111) überschreitet sie die Grenze zur antisemitischen Verschwörungstheorie. Heute z.B. lebendig in der Imagination der amerikanischen Neocons (“fast alle jüdisch???, S.132) als einflußreichster Gruppe in der Regierung Bush. Die Vorstellung vom Einfluß und der Macht der Juden ist zentraler Bestandteil der Tradition des Antisemitismus.

Wohin Langers Agitation führt, zeigt ein von ihr unterstützter Boykott-Aufruf gegen Waren aus jüdischen Siedlungen der von Tübingen aus seit drei Jahren lanciert wird. Ganz abgesehen davon daß er diese Siedlungen zum größten Problem der Region stilisiert und ein judenfreies Palästina fordert, nimmt er bewußt in Kauf als Aufruf zum Boykott jüdischer Waren insgesamt verstanden zu werden. Die historische Analogie zum nationalsozialistischen Boykott am 1. April 1933 zu übersehen ist nicht mit Naivität zu entschuldigen. Langers Aktivismus gegen Israel und seine Wirkung in Deutschland sollten nicht unterschätzt werden.

Tübinger Initiative gegen Antisemitismus und Antizionismus, im Mai 2005.

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