Mittwoch, 19.7.2006, 20.00, Neue Aula, HS 6, Tübingen: Antisemitismus, Aufrüstung und Scharia im Iran Vortrag und Diskussion mit Dr. Wahied Wahdat-Hagh vom Middle East Media Research Institute MEMRI, Berlin

Nach der Wahl Mahmoud Ahmadinejads zum Präsidenten der Islamischen Republik Iran hat sich die politische Landschaft der vorderasiatischen Regionalmacht stark verändert: das endgültige Scheitern der Bestrebungen auf dem Wege institutioneller Teilnahme demokratische Reformen durchzusetzen wurde offenbar. Mit Ahmadinejad übernahm eine Clique ehemaliger Weggefährten der „Revolutionary Guards“, die in der Islamischen Revolution von 1979 und den darauf folgenden Jahren eine wichtige militärische Rolle spielten, die Schlüsselpositionen im iranischen Herrschaftsapparat. Diese ideologischen Hardliner versuchen nun im Iran eine „Zweite Islamische Revolution“ auf den Weg zu bringen, was in seiner Radikalität selbst beim konservativen schiitischen Klerus auf Widerstände stößt.

Trotz der Beteuerungen Irans, sein Atomprogramm diene ausschließlich zivilen Zwecken, gibt es zahlreiche Hinweise darauf, dass der Bau von Nuklearwaffen geplant ist. Atomwaffen in der Hand eines islamistischen Regimes, dessen politisches Programm die Bekämpfung Israels beinhaltet, bedeuten eine neue Qualität der Bedrohung, zumal die Hemmschwellen mit dem Verbalradikalismus Ahamdinejads zu sinken drohen. Mittlerweile ist das Atomprogramm des Iran weit fortgeschritten und die europäischen Verhandlungsbemühungen wurden von iranischen Politikern öffentlich als eine Verlängerung des Zeitfensters für die Fertigstellung der atomaren Anlagen goutiert. In Israel wird die nukleare Aufrüstung und die aggressive antiisraelische Rhetorik des Iran als existenzielle Bedrohung wahrgenommen.

Die aggressive Frontstellung nach außen findet auch ihre Entsprechung im Inneren. Verstärkt achten die Sicherheitskräfte des Regimes auf die Einhaltung islamischer Tugenden und setzen frauenfeindliche und sexuelle Zwangsmoral repressiv durch.
Am 26.6. berichtete die Südwestpresse über Nazanin Fatehi, eine junge Frau „die sich als 17-Jährige gegen drei islamische Ordnungskräfte wehrte, die sie zu vergewaltigen versuchten. Ihr droht nun die Todesstrafe durch Erhängen“ weil sie einen der Angreifer in Notwehr tötete. Hätte sie sich nicht gewehrt, hätte sie als Prostituierte gegolten. Darauf steht der Tod durch Steinigung. Hunderte Frauen haben die religiösen Fanatiker auf diese Weise zu Tode gebracht.
Auch gegen Jugendliche, denen homosexuelle Handlungen vorgeworfen wurden, wurden in den vergangenen Monaten mehrere Todesurteile vollstreckt.
Nicht nur auf die Inanspruchnahme privater Freiheiten reagiert das Regime mit äußerster Härte, auch selbstorganisierte Arbeitskämpfe werden in der Islamischen Republik, in der unabhängige Gewerkschaften verboten sind, brutal unterdrückt. Das Ziel des aktuellen Regimes ist eine am islamischen Ideal formierte Gesellschaft, in der auf individuelle Freiheit und ökonomischen Wohlstand bereitwillig verzichtet werden soll, um dem nationalen Ziel der Einigung der islamischen Umma unter schiitischen Vorzeichen und der Vernichtung des jüdischen Staates zu dienen. Die Brandrede Ahmadinejads auf der Konferenz „The World without Zionism“, in der er die Auslöschung Israels forderte, war nur ein Ausdruck davon.

Wahied Wahdat-Hagh ist seit 2003 im Berliner Büro des Middle East Media Research Institute (MEMRI) für Monitoring und Analyse der iranischen Medien zuständig. Er war Lehrbeauftragter an mehreren deutschen Universitäten und engagierte sich in der 3. Welt-, Menschenrechts-, Gewerkschafts- und Antirassismusarbeit. Sein Buch „Die Islamische Republik Iran. Die Herrschaft des politischen Islam als eine Spielart des Totalitarismus“ ist 2003 im Lit-Verlag erschienen.

Eine Veranstaltung von: Lista und der Tübinger Initiative gegen Antizionismus und Antisemitismus (www.ini.de.nr)
Unterstützt von TERRE DES FEMMES Tübingen, Infoladengruppe und ZAK (Zentralamerika-Komitee).

 
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